Geschichte des Ortes Herrhausen                                       Home

Auszüge aus der Dorfchronik: Herrhausen - ein Dorf im Wandel der Zeit

von Torsten Warnecke

 

 

* Von der „grauen“ Vorzeit bis zur Reformation

 

* Von der Reformation bis zum Dreißigjährigen Krieg

* Der dreißigjährige Krieg

* Vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zum Königreich Westfalen

* Das Königreich Westfalen

* Vom Ende der Befreiungskriege bis zum Kaiserreich

* Das Kaiserreich und die Weimarer Republik

* Der Nationalsozialismus und der 2. Weltkrieg

* Die Besatzungszeit und die Entwicklung bis in die heutige Zeit

 

 

Von der „grauen“ Vorzeit bis zur Reformation

 

 

Wann unsere Gegend besiedelt wurde, kann man heute nur noch vermuten. Karl Bauerdorf fand zwar am Netteberg im Assekenbach mehrere steinzeitliche Werkzeuge, aber ob sie von einer dauerhaften Besiedlung zeugen oder „nur“ von lagernden Jägern, ließe sich erst durch weitere Bodenfunde nachweisen.

Zur römischen Zeit erstreckte sich das Stammesgebiet der germanischen Cherusker (d.h. Schwertmänner) bis in unsere Gegend. Sie, die Cherusker, verschmolzen dann mit den Chauken, Angrivariern und Sachsen zum Volksstamm der Sachsen. Der Name „Sachse“ leitet sich von dem von ihnen benutzten kurzen Schwert, dem Sachs, ab. Das Gebiet der Sachsen bildete sich im 3. Jahrhundert, vom 7. Jahrhundert an bestand es als Herzogtum Sachsen. Es erstreckte sich über fast das gesamte Gebiet des heutigen Niedersachsen. Die Ostgrenze des Herzogtums bildete die Elbe. Im Westen und Süden wurde es vom Karolingerreich Karls des Großen begrenzt.

 

Die Sachsen waren zu dieser Zeit noch nicht christianisiert. Aus diesem Grunde, aber auch wegen des Machtgewinns eroberte Karl der Große ab 772 das Land in 30 langen Kriegsjahren. Er teilte es um 780 in Gaue auf und setzte dabei ihm wohlgesonnene Grafen ein, wobei die alten sächsischen Grafschaften (Marken) fast gar nicht beachtet wurden, ein Hauptgrund für den sächsischen Aufstand!

Der sächsische Stammesfürst Widukind – Führer der Widerstandes – gab 785 den Kampf auf und unterwarf sich Karl dem Großen. Er ließ sich als Zeichen seiner Unterwerfung taufen. Der Krieg dauerte aber noch bis in das Jahr 804.

In einem der oben erwähnten Gaue liegt Herrhausen, und zwar im Ambergau, der aus drei alten Marken entstand. Der Name Ambergau leitet sich vom indogermanischen „ambr“ (Fluss/Wasser) ab. In diesem Fall bezieht er sich auf die Nette, da der Ambergau – grob umrissen – den Einzugsbereich der Nette umschließt. An der Grenze im Osten liegen der Salzgau und der Wenziggau (Densiggau), im Süden der Lisgau, im Westen der Gau Flenithi, im Norden der Gau Astfala.

Der Ambergau war, zusammen mit anderen Gauen, das Stammesland des Fürstengeschlechts der Brunonen, aus dem auch schon Widukind hervorgegangen war. Als dann im Jahr 919 der erste Sachse den deutschen Königsthron bestieg – es war „Heinrich der Erste“, übrigens auch ein Brunone – begann die geschriebene Geschichte des Dorfes Herrhausen. Denn in einer Urkunde, die Heinrichs Sohn, König „Otto der Erste – der Große“, ausstellen ließ und die sich auf die Erwerbungen seines Vaters in dessen Regierungszeit zwischen den Jahren 919 und 936 bezieht, ist unter anderem das Gut Herrihusun aufgeführt. Diese Urkunde, die am 4. Mai 947 in Werla ausgestellt wurden, ist deswegen auch keine Gründungsurkunde, sondern sie ist eine Schenkungsurkunde für das Stift Gandersheim, aus der hervorgeht, dass es Herrihusun schon vor 947 gegeben hat. Die Originalurkunde war im 12. Jahrhundert anscheinend vom Zahn der Zeit so mitgenommen gewesen, dass sie von dem Schreiben BB? nachgeschrieben werden musste.

Das Land Sachsen zerfiel in der Folgezeit in kleinere Fürstentümer. Dabei entstand 1235 das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, von dem sich 1252 Lüneburg abspaltete. Von 1345-1442 gehörte Herrhausen zum Fürstentum Göttingen, später dann wieder zum Herzogtum Braunschweig.

Im Dorf gab es im frühen Mittelalter den ersten wirtschaftlichen Wandel, und zwar von der reinen landwirtschaftlich geprägten Siedlung zum „industriellen“ Hüttendorf. Unterhalb des Mühlenteiches baute man eine Kupferhütte. Ob diese Hütte von dem Templerorden errichtet wurde oder schon vorher bestand, kann man heute nicht mehr nachvollziehen. Der Templerorden – 1119 bis 1312 – war ein geistlicher Orden, der in der Zeit der Kreuzzüge entstanden war.

Die verhütteten Erze stammten aus dem Rammelsberg bei Goslar. In der Mitte des14. Jahrhunderts kam dann das große Hüttensterben, als die Pest und Grubeneinstürze den Bergbau im Harz zum Erliegen brachten. Auch diese Kupferhütte ging dabei ein und verfiel. Nur noch die großen Schlackenhalden und der heutige Mühlenteich erinnern an diese Zeitepoche.

Das Ende des Hüttenbetriebes hat wahrscheinlich eine wirtschaftliche Krise ausgelöst. Die Hüttenarbeiter zogen entweder in andere Orte oder versuchten, sich eine eigene Landwirtschaft aufzubauen.

Der erste namentlich erwähnte Einwohner unseres Dorfes, aus dem Jahre 1308, war der adelige Wallhofbesitzer Korad Rivelere von Herrehusen. 1412 wird im Güterverzeichnis der Äbtissin von Gandersheim eine Mühle in „Herrehusen“ erwähnt.1470 wird in einer Urkunde der Verkauf eines Abtmeierhofes erwähnt, den „derzeit Hening Bruninges bebaue“.

Im Laufe der Jahrhunderte veränderte sich der Name des Dorfes ständig, um schließlich in der heutigen Schreibweise zu verbleiben.

4. Mai 947

Herrihusun

21. April 956

Herrhuson

1007

Herrihusi

22. Juni 1206

Herrensen

8. Oktober 1216

Herrehusen

31. Mai 1470

Herhusen

11. August 1503

Herrhusen

3. Mai 1515

Herhusen

 1550

Herhausen

 1652

Heerhausen

 1761

Herrhausen

 

 

Von der Reformation bis zum Dreißigjährigen Krieg

 

Die Reformation begann mit den 95 Thesen, die der Augustinermönch Dr. Martin Luther im Jahr 1517 veröffentlichte. Darin prangerte er den Zustand der heiligen römischen Kirche an. Denn zu dieser Zeit war die Kirche verweltlicht. In den Klöstern herrschte statt Demut und Frömmigkeit eine maßlose Verschwendung, und es war nicht selten, dass das Zölibat missachtete wurde. Um diesen Zustand aufrecht zu erhalten, brauchte die Kirche Unmengen von Geld. Die auf kirchlichem Boden lebenden Bauern zahlten oft überhöhte Abgaben, so dass sie schon infolge einer einzigen schlechten Ernte Haus und Hof verlieren konnten. Außerdem verkaufte die Kirche Ablassbriefe, durch die den Menschen ihre Sünden, vom Diebstahl bis zum Totschlag, vom Herrgott vergeben werden sollten.

Einer der Schamlosesten, der im Auftrag des Papstes Leo X. die deutschen Gaue durchzog, war Johannes Tetzel.

Sein Wahlspruch lautete:

„Sobald das Geld im Kasten klingt,
sogleich die Seel’ in Himmel springt.“

Viele Priester stimmten den Thesen Luthers zu. Seine Anhängerschaft, die bereit war, die Kirche zu reformieren, wuchs innerhalb weniger Jahre. Auch vielen Landesherren gefielen die neuen Ideen, einerseits aus religiösen, andererseits aus wirtschaftlichen Gründen. Eine neue christliche und entweltlichte Kirche würde keinen allzu großen politischen Einfluss mehr auf die Fürstentümer und das Reich haben. Es bildeten sich – je nach Landesherren und Einfluss der Priesterschaft – reformierte christliche Gemeinden mit schmucklosen Kirchen und deutschsprachigen Predigten oder die althergebrachten Traditionen wurden beibehalten. Die Spannungen wuchsen. Immer wieder brachen Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Gemeinde und Fürsten aus.

Ein eindrucksvolles Beispiel für die Macht der Kirchenfürsten ist die Hildesheimer Stiftsfehde, die von 1518-1523 dauerte. Hierbei bekriegten sich der Bischof von Hildesheim und die ihm unterstellten Adeligen, wobei sich Herzog Heinrich der Jüngere auf die Seite der Ritter stellte. Am 15. Oktober 1519, als der Herzog in Seesen weilte, wurde die ganze Gegend von beiden Heeren geplündert und gebrandschatzt. In der Folgezeit zogen die Kriegshorden noch des öfteren durch unser Land.

Als 1523 der Frieden geschlossen wurde, war die Umgebung verwüstet. In Seesen war bis auf die beiden Kirchen und die wehrhafte Burg alles niedergebrannt worden. Die umliegenden Dörfer hatten das gleiche Schicksal erlitten.

Mit der Reformation brauchen auch die Bauernkriege aus, besonders in Sachsen unter Thomas Müntzer. Die im Volksmund als „schwarze Bauern“ in die Geschichte eingegangenen Aufständischen zogen ebenfalls durch den Harz. Ob Herrhausen davon direkt betroffen wurde, ist nicht bekannt, aber Herzog Heinrich der Jüngere sah in der Reformation die Ursache für den Bauernkrieg. Deswegen versuchte er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, die Reformation aufzuhalten.

Kaiser Karl V. erkannte die Gefahr für sein Reich und rief 1530 in Augsburg die wichtigsten religiösen Führer beider Parteien zu sich, um den Frieden im Land zu erhalten. Am Ende des Reichstages waren sie sich nicht näher gekommen, aber die Lutheraner legten dem Kaiser ein gemeinsames Bekenntnis vor, die „Confessio Augustana“. Darin bekräftigten die Reformer ihren Glauben an die lutherische Lehre. Im Herrhäuser „Corpus Bonorum“, der Kirchenchronik, steht hierzu: „... Jonas Kahle dieser ist der erste Luterige und der Ungeänderten Augspurgischen Confesion zu gethaner Prediger zu Herrhausen und Engelade gewesen. Er hat die Formulam Cocordiae noch mit unterschrieben ...“ (Formula Concordiae – Zusammenschluss und Bekenntnis der Protestanten im Jahr 1577).

Auch im Herzogtum Braunschweig brachen die Konflikte offen aus. Während der braunschweigische Landesherr Herzog Heinrich der Jüngere überzeugter Katholik war, war sein Herzogtum fast vollständig reformiert. Aus Angst vor einer gewaltsamen Gegenreformation schlossen sich viele Städte dem Schmalkaldischen Bund an, einem Bündnis von protestantischen Städten und Fürstentümern.

Herzog Heinrich der Jüngere hingegen schloss sich dem katholischen Gegenbund an und wurde zu dessen oberstem Kriegsherren in Norddeutschland gewählt. 1542 brach der Krieg zwischen den beiden Parteien offen aus, der Herzog musste nach Süddeutschland fliehen. Daraufhin führten die Fürsten des Schmalkaldischen Bundes die lutherische Kirchenordnung im Herzogtum ein. Viele Geistliche begrüßten dieses, wohingegen die Priester, die der römischen Kirche zugetan waren, aus ihrem Amt vertrieben wurden. Der erste schriftlich erwähnte Herrhäuser Pastor – es war Werner Bütemeister – wurde 1542 eingeführt. Wir finden ihn aber später – 1551 – als katholischen Priester in Wehre. Wahrscheinlich war er noch in Herrhausen als lutherischer Priester tätig gewesen, wechselte dann aber später die Seiten.

Der Herzog plante damals, ein Heer auszuheben, vermutlich um gegen die Lutheraner zu Felde zu ziehen. Aus diesem Grund ließ er 1550 für jedes Dorf und jede Stadt Listen aufstellen, in denen die wehrfähigen Männer aufgeführt wurden. Auch unsere Herrhäuser wurden erfasst. Hierbei handelt es sich um die erste namentliche Auflistung der männlichen Bewohner. Im selben Jahr wurde auch ein Erbregister über die Höfe des Dorfes erstellt.

 

 

Der dreißigjährige Krieg

 

Dieser anfangs rein böhmische Volksaufstand gegen das Haus Habsburg und den katholischen Glauben wäre von Europa kaum beachtet worden, aber die Böhmen erwählten den protestantischen Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zu ihrem neuen König. Das nahm das Haus Habsburg nicht hin. Schon 1620 bereinigte der Feldherr der katholischen Liga, Johann Tserclas Graf von Tilly, in Böhmen die Lage. Die Rache der Habsburger war gnadenlos, die Böhmen wurden mit dem Schwert katholisiert. Auch die Pfalz blieb davon nicht verschont. Das habsburgische Spanien schickte seinen Feldherrn Ambrogio Spaniola von den spanischen Niederlanden aus in die Pfalz und ließ sie besetzten.

Der Niedersächsische Kreis, ein Bündnis protestantischer Fürsten, dem auch unser Herzogtum angehörte, rüstet sich zur Abwehr der katholischen Gefahr. Da die Fürsten aber allein zu schwach waren, erwählten sie den protestantischen dänischen König Christian IV. zu ihrem Kreisobristen. 1623 begann der Krieg sich auch auf Herrhausen auszuwirken. Der in die Dienste seines Brudes Friedrich Ulrich getretene Herzog Christian der Jüngere von Halberstadt quartierte einige seiner Regimenter in der Herrhäuser Gegend ein, davon eines unter Jan Cordes in Seesen. Was das bedeutete, kann man nur erahnen, und eine kurze Erklärung sei hier erlaubt: Der Landsknecht im Dreißigjährigen Krieg wurde nicht vom Heer versorgt. Er erhielt in zumeist unregelmäßigen Abständen seinen Sold und musste sich mit dieser oft kärglichen Löhnung Essen und Kleidung von den Marketendern kaufen. Es wird jedem einleuchten, dass sich die Landsknechte das Fehlende kostenlos besorgten, und zwar von den Schwächsten – dem Bauern!

 

1625 erreichte der Krieg mit voller Wucht unser bis dahin noch relativ verschont gebliebenes Herzogtum Braunschweig. Die Landsknechtshorden der kaiserlichen Feldherrn Tilly und Wallenstein fielen wie die Heuschrecken in das Land ein und verwüsteten es. Wie sie in unserer Gegend wüteten, sehen wir in einer Klageschrift vom 5. September 1625, worin Herzog Friedrich Ulrich dem Kaiser Folgendes schrieb:

„Das Kriegsvolk des Generals Tilly hatt meine armen Unterthanen feindseliger Weise urplötzlich ungewarneter Sachen und wie ein Wetter überfallen, die armen wehrlosen Leute überraschet, in ihren Häusern, auf den Wegen in Holz und Felde, mit Weib und Kinder erbärmlich niedergehauen, zermetschet, darunter der Sechswöchnerinnen, Kindbetterinnen und kleine Kinder nicht verschonet, deren etliche den Müttern an den Brüsten getötet, den priestern, die sich vor ihnen nicht verstecken können, unsägliche Schimpf und Marter angethan, teils tot geschlagen, darunter auch armer alter lahmer Krüppel in den Spitalern nicht verschonet ...“

Ob Herrhausen im Jahr 1625 auch schon so extrem leiden musste, kann nicht bewiesen werden, es ist aber anzunehmen. Spätestens aber 1626 brach das Grauen in vollem Umfang über das Dorf herein.

Am 1. August 1626 bezog Christian von Dänemark mit 19.500 Mann zu Fuß und 8.600 Mann zu Ross sein Feldlager vor Lutter, eroberte es am nächsten Tag und zog am 4. August in Seesen ein. Er nahm dort Quartier und zog dann nach Northeim weiter. Als wäre das nicht schon genug, kam er am 25. August desselben Monats auf seinem Rückzug vor Tilly wieder durch unser Dorf. Der Dänenkönig hatte zuvor schon jeden Engpass von seiner Nachhut verteidigen lassen, jetzt aber – zwischen Münchehof und Herrhausen – stellte er seine Truppen in Schlachtordnung auf. Die Truppen Tillys, die aus Münchehof herausbrachen, stellten sich ebenfalls auf. Christian aber nahm die Schlacht nicht an, sondern zog sich, obwohl es zu kleineren Gefechten kam, weiter in Richtung Seesen zurück. Erst am 27. August stellte er sich bei Lutter am Barenberge zum Kampf, wo er von Tilly vernichtend geschlagen wurde.

In den Folgejahren durchzogen immer wieder Landsknechte unseren Raum und zerstörten das, was übriggeblieben war.

In Herrhausen waren alle Häuser einschließlich der Kirche von den Kriegshorden abgebrannt worden. Der Herrhäuser Pastor Henricus Meyer schreibt an seinen braunschweigischen Vorgesetzten im Jahre 1648 unter anderem: „Das Pfarrhaus allhie zu Herrhausen ist in diesen Kriegsjahren gantz von dem kayserlichen Drostischem Regiment, neben andern Häusern gantz abgebrannt ...“

1648 – nach 30 langen Jahren – endete der unselige Krieg. Die Städte und Gemeinde waren entvölkert. Wer nicht von den Landsknechten erschlagen worden war, den holte die Pest. Wie viele Menschen sich der „Gevatter Tod“ aus unserem Dorf holte, wird für immer ein Geheimnis bleiben, aber es ist erschreckend, dass man im Erbregister von 1699 nur noch wenige Namen wiederfindet, die auch schon in der Liste von 1550 aufgeführt waren.

Die Menschen waren verroht und glaubten weder an Gott noch an seine Stellvertreter auf Erden. Davon zeugt das schon erwähnte Schriftstück des Herrhäuser Pastors Henricus Meyer aus dem Jahr 1648. Hierin schreibt er: „... Zu beklagen aber ist, daß weder hier noch zu Engelade, so wenig der alten Leute hereinkommen, wie fleißig sie auch hierzu von dem Pastore ermahnt worden ...“

2656 liest man im Kirchenbuch: „... Heinrich Schütten Einwohner und Altarmann allhier nach dem Er den 20 Octobris d.h. Abendmahl für seinem Ende empfangen, den 24. Octobris ist er christlich begraben. Er seines alters im 54. Jahr. Er war ein recht frommer, bescheidener, ehrbarer und aufrichtiger Biedermann, wollt Gott daß seienr gleichen viel wären!“

Im Jahr 1658 findet sich unter dem Kirchenbuch-Eintrag einer „jungfräulichen“ Hochzeit der Text: „... O tempora, o mores ...“ – was so viel bedeutet wie: “Was für Zeiten, was für Sitten”, denn 22 Wochen nach der Hochzeit wurde ein Kind geboren. Man merkt, dass sich manche Dinge die Jahrhunderte hindurch nicht änderten! Das „medizinisches Wunder“ der frühen Geburt findet man heute auch noch.

Viele Krankheiten, die durch die Landsknechte ins Land gebracht wurden, forderten noch Jahre später ihren Tribut. Die häufigsten Todesursachen – besonders unter Kindern – waren die Blattern und die Pocken. 1658 findet sich im Kirchenbuch der Eintrag: „Summa, daß 1658 Jahr sieben Kinder getauft und so viele auch gestorben ... an den Pocken gestorben.“

 

 

Vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zum Königreich Westfalen

 

Wie sah unser Dorf in der Mitte des 17. Jahrhunderts aus?

Merians Kupferstich aus dem Jahr 162 spiegelt dieses gut wieder:

„Heerhausen ist den Herren Herzogen von Braunschweig Lüneburg Wolfenbüttelschen Theils, mit Adelichen Rittermässigen Roßdienstleistung verwant, auch sonst mit andern Adelichen Privilegiis nohttürfftig versehen, liget unterm Harze, ins Südtwesten, in luftiger gegend, eine gute Meil weges von der berühmten Bergstatt Wildeman: hat guten Ackerbau ,Wiesenwachs und ansehentliche Weide von allerhand Viehe. Dieser Ansiz ist von einem Nahmens Henin Honrode zu Herzogen Heinrichen deß Jüngern Regierungszeiten, den dessen Fürstl. Gn. er in vornehmen Diensten gewesen, darin auch ben dero Verfolg: und Vertreibung deß Landes beständig verharret erbauet und Adelich Erbfren besessen, ist aber derselbe zu anfang deß Kriegesunwesens Anno 1626. da der König in Dennemarck und General Tilly eben allhie die erste Batalli gegen einander formiret und das Gefechte scharff angetretten, der König aber in der Nacht biß Lutter an Backenberge sich in höchster Stille zurückgezogen, neben der Kirchen ruiniret, und folgende Jahr ferner ganz zu grunde gerichtet worden.

Nach deme aber selbiges Gut voriges Jahres und zwar in Anno 1625. der Obriste Johann Koch erblich an sich erkaufft, folgendes Fürstl. Privilegiis, und anderen Lehen und Erbstücken verbessert, hat es derselbe in diesen vergangenen Kriegeszeiten, mit grossen Costen in jetzigen zimlichen ansehentlichen Stande gebracht, auch die Kirche auß dem Fundament auff seinen Kosten ganz new und thaurhafft auffgeführet.

Es sind den diesem Sitze unterschiedene zimlich eingerichtete Gärten, darin neben ezlichen Luft- und Küchenstücken, über tausent allerhand Obsbäume verhanden, springet auch darin eine schöne namhaffte Quelle, die Nette, genannt, treibet ohngenfehr ein Büchsenschuß davon einen Mahl- und Oligang, und wird endlich off zwey Meil wegen so groß, daß sie eine Mahmühle mit sechs und mehr Mahlgängen treiben kann. Es ist dieser Ort auch mit allerrhand Fischen, und soderlich Forellen, wol begabet. Sonst will man dafür halten, es hätten vor Alters die Tempelherren diesen und benachbarte Oerter inngehabt, wie dann auch eine grosse menge Schlacken allhie verhanden, darauß abzunehmen, daß ein starckes Schmelz- und Hüttenwerk hier in der nähe getrieben und verhanden gewesen.“

Wie man aus diesem interessanten Text erkennen kann, hatte sich Herrhausen relativ schnell von den Kriegsfolgen des Dreißigjährigen Krieges erholt. Man darf annehmen, dass Johann von Koch daran maßgeblich beteiligt war. Von dem wirtschaftlichen Aufschwung des Ritterguts profitierte direkt und undirekt auch unser Dorf.

Wie sahen die Landschaft und das Dorf aus?

Das Dorfbild wurde von den Gärten, in denen an die 1000 Obstbäume standen, bestimmt. Sie dienten – mehr als heute – der Ernährung der Menschen. Nur auf dem Kochschen Hof und beim Pfarrhaus gab es schmuckgartenähnliche Anlagen. Um sie herum lagen die Felder des Rittergutes und der Klein- und Großköther, die im Drei-Felder-System bewirtschaftet wurden.

Dazwischen, auf den zahlreichen Wiesen, grasten große, von Hirten bewachte Schafherden; vereinzelt sah man auch kleine Kuh- und Rinderherden.

Der Schleikerteich, später Hüttenteich, unser heutiger Mühlenteich, war damals doppelt so groß (der obere Teil wurde nach 1849 zugeschüttet). Er zog sich als oberer und unterer Hüttenteich bis zu den ersten Häusern hinauf. Auch die Schlackenhalden der frühmittelalterlichen Kupferhütte waren noch zu erkennen. Die Kochsche Mühle wurde erst 1688 auf dem Standort der alten Hütte erbaut, die im Kupferstich genannte Mühle ist wahrscheinlich die Hammershäuser Mühle.

Es gab aber auch noch weitere Teiche, und zwar den kleinen und den großen Tränketeich. Beide zusammen hatten die Größe des damaligen Hüttenteiches. Sie lagen der Straße nach Engelade, ungefähr auf der Höhe der Doppelkurve, und wurden vom heutigen Trennekebach gespeist. Dazu kam noch der Hellerteich. Er lag an der Nette auf dem Grundstück der Familie Weinhausen und war bis in die 50er Jahre unseres Jahrhunderts als Badeteich sehr beliebt. Heute zeigt lediglich eine schlammige Senke seinen Standort an. Weiter gab es den Tiefen Teich und die Maulwurfshaufenteiche, die in der Bodensenke parallel zum Engeläder Weg lagen, und den Laichteich. Die Teiche der Flachsrotten-Genossenschaft entstanden erst 1972. Davor gab es nur flache „Rotten“ für die Flachsverarbeitung.

Herrhausen war schon in alter Zeit für seinen Fischreichtum bekannt, alle Teiche waren dazumal Eigentum des Rittergutes.

Das Dorf selbst wurde von dem Kochschen Rittergut dominiert, dessen herrschaftliches Gutshaus sogar die Kirche überragte. Eine hohe steinerne Mauer umschloss den Gutshof und den parkähnlichen Garten.

Die Kirche (damals noch ohne Turm, die Glocken hingen frei am Giebel) bildete den Dorfmittelpunkt. Der Friedhof lag um die Kirche herum. Er hatte ungefähr die Ausmaße des heutigen Kirchhofes. Später kam der Friedhof auf dem „Trommelberge“ hinzu. Dieser Berg wurde so genannt, weil das Nachtwächterhaus darauf stand. Der Nachtwächter musste damals mit einer Trommel bei Bränden oder Überfällen Alarm schlagen. Der Berg liegt zwischen der heutigen Hauptstraße und der Nettequelle.

Die Kirche war ein solider Bruchsteinbau. Die Bauernhäuser – wie auch die Gebäude des Rittergutes – waren Lehmfachwerkbauten, meist mit zwei Stockwerken und einem hohen, mit Stroh gedeckten Dach. Die Ställe und Scheunen lagen zusammen mit den Wohnräumen unter diesem Dach. Die Küche war Aufenthaltsraum und Wohnraum (meist war es der einzige Raum, der geheizt wurde), der Herd war offen, und der Rauch zog nach oben durch einen Rauchfang ab. Schornsteine kamen gerade erst auf. Noch 1757 werden Häuser mit Schornsteinen besonders erwähnt.

Der Wald war noch in einem urwaldähnlichen Zustand und nur an seinen Rändern durch die Bauholzwirtschaft für die Fachwerkhäuser und Harzbergwerke gelichtet. Wölfe, Bären, Luchse und anderes Getier lebten noch ungestört im dichten Gehölz.

Die Zeiten waren ruhig und friedlich. Sie währten jedoch nicht ewiglich. Der siebenjährige Krieg warf seine dunklen Schatten übers Land. Unser damaliger Landesfürst, Karl I. von Braunschweig trat an die Seite seines Schwagers Friedrichs des Großen, König von Preußen.

 

1761 drang ein französisches Korps unter dem Prinzen Xaver von Sachsen in das Herzogtum ein und marschierte auch durch Herrhausen. Einige Truppenteile quartierten sich bei uns ein und requirierten dabei alles, was nicht niet- und nagelfest war.

Der damalige Pastor Helmkampf schrieb: „... so kam Anno 1757 der leidige Krieg wodurch alles wieder verloren ging, und zuletzt Anno 1761. Da wegen Mangel der Pferde mein Acker 2 Jahr hernach Wüste liegen blieb und mein sämtliches Kuhvieh, an der Zahl 8 Stück im letzten erwähnten, an der Vieh-Seuche Crepierten.“

 

 

Das Königreich Westfalen

 

Das Herzogtum Braunschweig wurde von den napoleonischen Kriegen nicht verschont. Es hatte aufgehört zu existieren und war im Königreich Westphalen aufgegangen. Infolge einer Gebietsreform gehörte Herrhausen zum Leinedepartement mit der Hauptstadt Göttingen. Da die alten Ämter auch aufgelöst wurden, mussten in jedem Dorf Verwaltungsbeamte eingesetzt werden, die „Maire“. Diese hatten das Dorf selbständig zu verwalten, ob es nun um Steuern oder um Einberufungslisten ging. In Herrhausen wurde der Gastwirt Friedrich Weinhausen zum „Maire“ ernannt.

Auch Herrhausen litt unter den durchziehenden Franzosen, die sich, wie alle anderen Heere auch, aus dem Land ernährten. Bis Mitte Juli 1807 waren in Seesen insgesamt 53.437 Mann einquartiert gewesen! Auch in unserem Dorf gab es Einquartierungen, so z.B. am 16.02.1806 Major von Sparr mit Gemahlin, ein Fräulein und 8 Domestiken.

Im den Kriegserinnerungen des Oberst Morgenstern wird auch Christian von Koch erwähnt, der im 2. Regiment der westphälischen Division als Stabs-Kapitän seinen Dienst in Spanien tat.

Herrhausen stöhnte, wie alle anderen Dörfer auch, unter der hohen Steuerlast, den bei der Ernte fehlenden Männern und unter der westphälischen „Vorspannverordnung“ von 1811, die der Herzog mit übernahm. Vorspannverordnung hieß, dass jeder Pferdebesitzer seine Pferde zur Verfügung stellen musste, wenn Militäreinheiten ihre erschöpften Tiere auswechselten wollten. Das heißt, dass den Militäreinheiten immer frische und unverbrauchte Pferde zur Verfügung standen, während die Dorfbewohner alte, lahme und erschöpfte Mähren dafür erhielten, die sie erst aufpäppeln mussten, um sie dann wieder tauschen zu müssen.

 

 

Vom Ende der Befreiungskriege bis zum Kaiserreich

 

Nach dem Ende der Befreiungskriege erhofften sich die Menschen von ihren Fürsten mehr Freiheiten und ein demokratisches und liberales Zeitalter. Man darf nicht vergessen, dass Napoleon viele Errungenschaften der französischen Revolution in den eroberten Ländern eingeführt hatte. So konnten die Bauern jetzt die Aufhebung des „Zehnten“ und der Spanndienste beantragen. Beim Militär wurde die Prügelstrafe abgeschafft, und jeder Ort bekam eine eigenständige und unabhängige Verwaltung.

Nach dem Ende der französischen Zeit gab es keinen radikalen Wechsel. Die meisten Regierungsbeamten behielten ihre Ämter. So auch unser Maire Weinhausen; er wurde jetzt wieder Vorsteher genannt und führte die Dorfverwaltung weiter.

Es gab zwar einen industriellen Aufschwung, aber unseren Bauern, Handwerkern und den ersten Fabrikarbeitern ging es eher schlechter als besser. Das führte zu einer Auswanderungswelle. Den einen bewog die wirtschaftliche Situation, den anderen der Drang nach Freiheit und manchen die Abenteuerlust.

Auch einige Herrhäuser Familien verließen ihr Dorf und ihre Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben. Die Auswanderungswelle erreichte zwischen 1846 und 1871 ihren Höhepunkt. Für diese Zeit liegen auch gesicherte Unterlagen vor.

An dieser Stelle soll einmal ein kurzer Blick auf das Bevölkerungswachstum und die soziale Versorgung geworfen werden.

 

Die Kindersterblichkeit war sehr hoch, und da es noch keine Altersversorgung gab und die Kinder die Altersversorgung der Eltern darstellten, gab es viele Großfamilien mit 8 und mehr Kindern. Nur die „Reichen“ konnten es sich erlauben, „nur“ ein oder zwei Kinder zu haben. Noch im Jahr 1885 betrug die Kindersterblichkeit im Herzogtum bei Kindern unter einem Jahr 27,35 %. Erst 1889 wurde die Altersversicherung eingeführt.

Da sich im Laufe der Zeit durch den medizinischen Fortschritt die ärztliche Versorgung allmählich besserte, kam es zu einem Bevölkerungsanstieg im Dorf. Der Dorfkern wuchs rasch.

 

 

Das Kaiserreich und die Weimarer Republik

 

Das Kaiserreich (1871 – 1918) wurde am Ende des deutsch/französischen Krieges (1871) gegründet. Bei der Siegesfeier am 18. April 1981 wurde unsere Dorflinde als Friedensbaum gepflanzt. Im Jahre 1879 wurde der Kirchturm gebaut und feierlich eingeweiht. In der Turmkugel befinden sich noch heute Dokumente und Zeugnisse, die das Zeitgefühl der damaligen Zeit widerspiegeln. 1956, bei der Renovierung, wurde der Turmknauf geöffnet, die Dokumente teilweise abgeschrieben und wieder zurückgelegt.

Infolge des schon erwähnten Bevölkerungsanstieges und der Industrialisierung mussten sich viele Herrhäuser außerhalb des Dorfes nach Arbeit umsehen, und zwar vornehmlich in Seesen, das zu dieser Zeit einen industriellen Aufschwung erlebte. Aufgrund dieser Tatsache arbeiteten viele Dorfbewohner in den Seesener Fabriken – zumeist für einen Hungerlohn – z.B. in der großen Eisengießerein, in einer der 4 Blechwarenfabriken oder in der Blumschen Zigarrenfabrik. Es gab damals auffällig viele Zigarrendreher in Herrhausen.

Der Eisenbahnbau zwischen 1856 und 1872 in unserer Umgebung und der Bau der Eisenbahnstrecke Seesen-Osterode brachte viele neue Arbeitsplätze. Auch die Bauern verdienten durch Transportfahrten für den Eisenbahnbau zusätzliches Geld. Herrhausen und Münchehof sollten zuerst keine Bahnhöfe erhalten, aber aufgrund des Einspruchs der Kaufleute unserer Region wurde für Herrhausen eine Haltestelle (1928) und für Münchehof ein Bahnhof durchgesetzt. Die Bahnstrecke wurde 1872 feierlich eröffnet.

In dieser Zeit begann der Wandel vom ursprünglich eigenständigen Dorf zum von der Stadt abhängigen „Schlafdorf“!

Vor 1879 wurde die freiwillige Feuerwehr ins Leben gerufen (sie wurde während des 1. Weltkrieges in eine Pflichtfeuerwehr umgewandelt, da die aktiven Wehrleute an der Front waren). Bis dahin mussten sich alle Hausbesitzer - wenn die Trommel oder das Horn ertönte - mit ihren Löscheimern am Brandort versammeln und versuchten dann unter dem Kommando des Gemeindevorstehers, den Brand einzugrenzen und das Vieh sowie das bewegliche Hab und Gut zu retten. Das Feuerlöschwesen war in dieser Zeit noch sehr einfach und beschränkte sich auf Pumpenwagen und Feuerlöscheimer.

 

 

In die Zeit zwischen Reichsgründung und Jahrhundertwende fällt auch die Gründung einer Vielzahl unserer Vereine, auf die noch später genauer eingegangen wird. Hier nur eine kurze Erwähnung. Der Landwehrverein wurde 1876 gegründet. Er diente als eine Art Reservistenkameradschaft. 1877 wurde der erste Männergesangverein gegründet, der aber bald wieder von der Bildfläche verschwand. 1882 wurde dann der Gesangverein „Eintracht“ ins Leben gerufen, im Jahre 1895 der Gemischte Chor „Liederkranz“. 1907 wurde die erste Wasserleitung gebaut.

Im selben Jahr fand auch eine Reichstagswahl statt. Aus dieser Zeit ist uns ein Wahlkampfspruch erhalten geblieben:

„Keck im dreck, Damm im Schlamm, Seid nicht albern, und wählt Kalber!“

(Neben dem Herrhäuser Pastor Adolf Keck, Mitglied der DDP und Seesener Parteivorsitzender, waren auf anderen Listen ein Herr Kalbern und ein Herr Damm aufgestellt.)

1911 wurde Herrhausen elektrifiziert und der Turn- und Sportverein gegründet.

1884 starb Herzog Wilhelm von Braunschweig, ohne einen Erben zu hinterlassen. Das Land wurde bis 1913 von Regenten verwaltet. Von 1884 bis zu seinem Tode im Jahre 1906 übernahm Prinz Albrecht von Preußen die Regierungsgeschäfte.

Die Jahre verliefen ruhig und friedlich, bis das Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914 dieser „guten alten Zeit“ ein jähes Ende setzte. Durch eine Vielzahl von Bündnissen untereinander verpflichtet, schlitterte Europa in den 1. Weltkrieg, der am 1. August 1914 ausbrach. Im Herzogtum traten schon nach kurzer Zeit Engpässe bei der Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln und Kohle auf, die während des ganzen Krieges anhielten, vielleicht mit ein Grund für die „kleine“ Novemberrevolution im braunschweigischen Land.

Aus dieser Zeit wurde der Text eines Flugblattes überliefert:

„Glaubensbekenntnis eines guten Deutschen!“

„Ich glaube an die Steckrübe, die alleinige Ernährung des deutschen Volkes, und an die Marmelade, ihre stammverwandte Genossin, empfangen vom Kriegsernährungsamt, gelitten unter der Zentraleinkaufsgesellschaft, gesammelt und gepreßt, niedergefallen zur Erde, am 3. Tag wieder auferstanden als Tafelobst, von dann sie kommen werden als Aufstrichmittel für Deutschlands tapfere Söhne. Ich glaube an eine große allgemeine Wuchergesellschaft, Gemeinschaft der Hamsterer, Erhöhung der Steuern, Verteuerung des Fleisches und an einen ewigen Kriegszustand.“

Der erste Materialkrieg des modernen 20. Jahrhunderts verwüstete weite Teile Europas und kostete Millionen von Menschenleben. Auch unser Ort musste einen hohen Blutzoll entrichten.

27 Gefallene, Gestorbene und Vermisste.

Vermisst! - Ein einfaches Wort für endlose Qualen. Die Familien der Gefallenen und Gestorbenen wussten, woran sie waren, aber die Angehörigen der Vermissten blieben für immer im Ungewissen, ob Sohn, Vater, Ehemann oder Freund nicht doch noch irgendwo am Leben waren - eine meist vergebliche Hoffnung.

Manche Soldaten blieben über Jahre in Gefangenschaft. Der Herrhäuser Heinrich Schnäker war - nach einem Schriftstück aus dem Jahr 1922 - vier Jahre nach Kriegsende immer noch nicht aus der Gefangenschaft zurückgekehrt.

Die zurückgekehrten Soldaten standen vor brachliegenden Feldern und geschlossenen Fabriken. Die Arbeitslosigkeit erreichte nie gekannte Ausmaße, denn auch die Seesener Wirtschaft war auf Kriegsprodukte umgestellt gewesen. Die Wirtschaft brach in sich zusammen. Inflation, Bankrotte, zahlungsunfähige Kunden.

Am 15. November 1923 wurde die Währungsreform durchgeführt und 1 Billion Papiermark gegen 1 Rentenmark umgetauscht.

Während in der Folgezeit die Wirtschaftslage sich langsam erholte, gab es auch in Herrhausen einen sichtbaren Aufschwung. Unser Dorf wurde vollständig elektrifiziert, die Petroleumlampen verschwanden aus den Wohnstuben. 1928 wurde der 1,5 m tiefe Brunnen an der Nettequelle ausgebaut und die letzten Lücken im Wasserleitungsnetz (1907 gebaut) geschlossen. Bis dahin waren die zahlreichen Dorf- und Hausbrunnen im Betrieb gewesen. In den meisten alten Häusern unseres Dorfes existieren diese Brunnen noch heute.

Einige Herrhäuser versuchten, mit Gästezimmern für städtische Sommergäste ihre Haushaltskassen aufzubessern. In einer damaligen Werbeschrift wird besonders die Nähe zum Harz hervorgehoben, und dass Herrhausen über ein Licht- und Wassernetz verfüge, was damals noch nicht selbstverständlich war! Die ersten Herrhäuser kauften sich Automobile. Ein allgemeiner Wohlstand breitete sich aus - bis am „Schwarzen Freitag“, dem 25. Oktober 1929, die Weltwirtschaftskrise ausbrach und die Wirtschaft, und damit die Weimarer Republik, in eine Katastrophe stürzte.

 

 

Der Nationalsozialismus und der 2. Weltkrieg

 

 

Auch Herrhausen wurde nicht von der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten und dem Moloch Krieg verschont. Vom 12.03.1925 stammt der erste schriftliche Hinweis auf den Nationalsozialismus bzw. Antisemitismus. An diesem Tag schloss Pastor Keck einen Engeläder Konfirmanden aus dem Konfirmandenunterricht aus, weil er den Sohn von Max Bremer einen „Stinkjuden“ genannt hatte und dieses auch nicht vor dem Pastor zurücknahm.

Dienstag, der 14.03.1933: Ins Amtsgericht Seesen zur Vernehmung gebracht war gestern Nachmittag Herr Pastor Keck aus Herrhausen, ..., weil er durch eine Äußerung den Reichskanzler beleidigt haben soll. Gleichzeitig wurde von SA-Leuten auf dem Pfarrhause die Hakenkreuzfahne aufgezogen. Von einer schwarz, rot, goldenen Fahne wurde der goldene Teil abgetrennt und verbrannt. Bei dem Gemeindevorsteher von Herrhausen wurde eine Haussuchung abgehalten. Nach kurzer Vernehmung wurde der Geistliche wieder auf freien Fuß gesetzt."

 

 

Sonnabend/Sonntag, der 18./19.03.1933

... Unter dem Verdacht, ebenfalls sich zu parteilicher Amtsführung verpflichtet zu haben, hat die Kreisdirektion auch im Kreise Gandersheim den sechs Gemeindevorstehern von Astfeld, Bornum, Delligsen, Herrhausen, Opperhausen und Wolfshagen mitgeteilt, dass Sie unter dem Vorbehalt weiterer Maßnahmen sich aller Amtsvorrichtungen zu enthalten haben.

... In der Angelegenheit des Pfarrers von Herrhausen, Keck, weilte Landesbischof Dr. Bernewitz am Donnerstag in Seesen, um eine eingehende Untersuchung zu führen. Pastor Keck wurde in den Ruhestand versetzt.

(Eine ausführliche Darstellung dieser Vorkommnisse findet der geneigte Leser in der Herrhäuser Dorfchronik von Torsten Warnecke)

Weitere Auszüge aus der Kirchenchronik von Pastor Wurr:

1942: „Am 20.04.1942 wurde die eine der Herrhäuser Glocken abgenommen. Den ganzen Sommer hindurch konnte man sie dann noch auf dem Bahnhof in Seesen liegen sehen. ...“

1943: „... Mitte Februar ... Auf einer Pfarrkonferenz in Seesen ...Ich hatte unter dem Eindruck von Stalingrad, anknüpfend an die letzte Predigt Pastor Kecks vor 10 Jahren gesagt, dass Gott ein Volk auch durch einen verlorenen Krieg bringen könne, diese Worte wurde als Staatsfeindlich angesehen und ich in vorläufige Schutzhaft, in das Gefängnis nach Wolfenbüttel gebracht. Nach 10 Wochen kam ich frei und konnte mein Amt wieder übernehmen. ...“

 

Den von einem größenwahnsinnigen Diktator entfesselten Krieg mussten auch viele Herrhäuser mit dem Leben bezahlen oder blieben für immer auf den Schlachtfeldern vermisst.

 

 

Die Besatzungszeit und die Entwicklung bis in die heutige Zeit

 

Die Diktatur war zwar beendet, aber die Zeiten waren noch von Not und Hunger bestimmt. Die Entnazifizierung begann, und viele wurden zu Recht, manche zu Unrecht entlassen. Die meisten Männer waren noch in der Gefangenschaft.

Der Schwarzmarkt blühte, die „Zigarettenwährung“ bestimmte den Markt. Die Zeiten waren unsicher. Räuberbanden durchzogen das Land. Die Bewohner der außerhalb gelegenen Mühle am Mühlenteich wurden mehrmals Opfer solcher „Besuche“.

Die Besatzungsmächte lösten sich ab. Den Amerikanern folgten am 13. Juni 1945 die Engländer und denen wiederum am 25. Januar 1947 die Norweger, die Anfang 1948 das Land der Selbstverwaltung übergaben. Im April 1945 wurde Friedrich Münnich von der Militärregierung zum Bürgermeister ernannt (er hatte dieses Amt schon bis zum 19.03.1933 innegehabt). Ein fast unlösbares Problem war die Wohnungsnot. Im Frühjahr 1946 kamen die Ostvertriebenen mit Lastkraftwagen zu je 50 Personen in unseren Ort. Dadurch verdoppelte sich die Einwohnerzahl. Der damalige Gemeindediener Pförtner verteilte die neuen Einwohner entsprechend einer Liste über den „freien“ Wohnraum auf die Häuser. Dadurch entstanden Zweckgemeinschaften, in denen die Menschen oft noch jahrelang, mal gut, mal weniger gut, zusammenleben mussten.

1947 wurde das 1000-jährige Jubiläum unseres Ortes gefeiert, damals noch - der Zeit entsprechend - schlicht und einfach mit einem Gottesdienst vor der Kirche. Der Landesbischof weihte dabei auch die neue Glocke ein, die zwei Familien als Dank für die Heimkehr ihrer Söhne gestiftet hatten.

1949 wurde der Sportplatz gebaut, wobei die Fläche in Handarbeit - mit Schaufeln und Karren - planiert wurde. Am 28.08.1949 wurde Einweihung gefeiert. Bis dahin spielte man - nach Frau Zimmermann - auf der zur Schule gehörenden Wiese (heute das Grundstück „Auf dem Kreumen 4“). 1971 wurde auf dem Fußballplatz ein Sportheim gebaut.

Ein neues Sägewerk entstand, das aber leider seit mehreren Jahren stillgelegt ist.

Bei den Bauern konnte man den beginnenden Wohlstand daran erkennen, dass die Pferdegespanne im Dorf immer seltener zu sehen waren. Traktoren nahmen ihren Platz ein.

Ein neuer Bauboom begann. Bis Anfang der 70er Jahre entstanden in unserem Dorf mehr als 60 Privathäuser. Die Straßen wurden geteert und die Bundesstraße unter einem Kostenaufwand von 110.000 DM mit Bürgersteigen versehen, wobei leider die Nette im Untergrund verschwand.

Herrhausen verfügte auch über eine gute Infrastruktur. Es gab zwei Banken, 4 Einzelhandelsgeschäfte, eine Bäckerei, zwei Schlachtereien und die verschiedensten Handwerker. Vom Tischler über den Böttcher bis zum Schuhmacher waren alle Berufe vertreten. Außerdem hatten wir eine Tankstelle mit Werkstatt und ein Fuhrunternehmen. Es hatten auch mehrere kleine Kioske aufgemacht, mit denen sich manche Familie ein Mark dazuverdiente. Wie traurig sieht es dagegen heute aus!

Am 01. Juli 1972 war es dann mit der Eigenständigkeit unseres Ortes vorbei. Wir wurden zusammen mit allen umliegenden Dörfern in die Stadt Seesen eingemeindet. Der alte Landkreis Gandersheim verschwand. Er wurde aufgeteilt. Das Amt Seesen wurde dem neuen Landkreis Goslar zugeschlagen.

Die Dorfschule wurde im Jahre 1979 geschlossen. Sie wurde Anfang der 80er Jahre zum Dorfgemeinschaftshaus umgebaut und beherbergt zwei Wohnungen, den Schulungsraum der Feuerwehr und unter ihrem Dache den Schießstand des Schießclubs.

 

 

1986 schlossen sich der gemischte Chor „Eintracht-Liederkranz“ und der Männergesangverein „Harmonie“ zum Gemischten Chor „Harmonie-Liederkranz“ zusammen.

Am 20. Oktober 1992 wurde die Jugendfeuerwehr gegründet.

Im September 1996 erhielt unsere Kirchturmuhr ein aus freiwilligen Spenden finanziertes neues Zifferblatt.

Anfang 1997 wurde der Kirchenvorplatz neu gestaltet. Den Höhepunkt des Jahres 1997 bildeten die Feiern, Veranstaltungen und Ausstellung zum 1050. Geburtstag unseres Dorfes.

1998 wurde die Grillhütte aufgestellt, ein Meisterwerk unserer Handwerker. Am 12. September wurde sie feierlich eingeweiht.

1999 wurde die Bundesstraße mit einem Fahrradweg versehen.

Möge Herrhausen in Zukunft von Not und Krieg verschont bleiben.

 

Text: Torsten Warnecke

 

 

 

Herrhausen – vor dem Hartze gelegen

Bibelzitate (siehe Quiz):
Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich,
und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut
(Matthäus 12,30)